Mein 6. Sternchen

Nach fünf fotografierten Sternchen entwickelt man ein gewisses Gespür für die Eltern und die Stimmung die vor Ort herrscht. Es gibt Eltern die sind sehr offen und suchen das Gespräch. Einfach mit jemandem Quatschen der von außerhalb ist.

Es gibt aber auch eher verschlossene Eltern die wirklich nur das nötigste reden und nach dem fotografieren schnell wieder Ihre Ruhe möchten. Natürlich ist das mehr als verständlich und man beeilt sich dementsprechend damit die kurze Zeit die sie mit Ihrem Kind haben, auch so intensiv wie möglich verbringen können. So auch bei meinem sechsten Kind, welches in Hamm den Sprung ins Leben nicht geschafft hat.


Der Call

Es ist nicht oft das drei oder mehrmals alarmiert werden muss bis sich ein Fotograf findet. Ich war noch im Dienst als der dritte Alarm mich dazu veranlasst hat mir die Zeit zu nehmen und mir den Call in Ruhe mal durchzulesen.

Ein Junge in der 24. Schwangerschaftswoche wird erwartet. Ein Virus Infekt ist Schuld dafür das der kleine Mann es nicht geschafft hat und im Mutterleib bereits zu den Sternen gereist ist. Die Einleitung sollte am Mittwoch beginnen und es sei das erste Kind der Jungen Eltern.

Ich meldete mich kurz Entschlossen das ich Zeiten abdecken kann. Leider auch nur 2 Tage da ich am Wochenende ziemlich eingespannt war. Aber solange sollte es nicht dauern.


Der erste Kontakt zu den Eltern ist nie ganz einfach

Eigentlich bin ich es schon gewohnt die Eltern direkt zu kontaktieren, wenn nicht die Klinik den Call abgegeben hat. Aber es ist für mich doch immer wieder eine Überwindung den ersten Kontakt herzustellen. Gerade in solch einer Situation fällt es einem oft nicht leicht direkt die richtigen Worte zu finden.

Dadurch das ich Dienstlich auch noch sehr eingespannt war, beschloss ich also vorab eine Nachricht zu schreiben damit die Eltern sich wenigstens schon mal in Sicherheit wiegen können das ein Fotograf in den Startlöchern steht. Ich schrieb also die wichtigsten Infos und versprach mich später noch telefonisch zu melden. Das das gar nicht nötig sein würde, war mir da noch nicht klar. Die werdende Mama bedankte sich für die Infos und schrieb mir das Sie mich auf dem laufenden halten würde.

Erstes Kind? Das kann dauern

Erfahrungsgemäß kann es beim ersten Kind einige Tage dauern bis es da ist. Allein die Vorstellung das man sein Kind, viel zu früh und dann noch leblos zur Welt bringen muss treibt mir die Tränen in die Augen. Ich glaube es kann nichts schlimmeres geben und dann noch mehrere Tage warten? Grausamkeit kennt keine Grenzen.

Ich dachte also das ich genug Zeit hätte meine Kamera klar zu machen, meinen Einsatzkoffer zu packen und natürlich den nervigen Papierkram vorzubereiten. Denn ohne Unterschrift der Eltern, darf ich nicht Fotografieren. DSGVO ist hier das Zauberwort.

Wir Fotografieren nicht den Tod, sonder sehnlichst erwartetes Leben

Ich trug mein Handy fortan immer bei mir. Die Eltern könnten sich ja melden und ich muss erreichbar sein. Gefühlt alle halb Stunde schaute ich nach ob eine Nachricht kam, ein überhörter Anruf oder irgendwie sowas. Ja, eine gewisse Grundnervosität ist immer da.

Ich ging erstmal meinen Dienst nach und versuchte so schnell wie möglich meine To-do Liste für den Tag abzuarbeiten, sodass ich vielleicht früher Feierabend machen kann, sollte das Kind schon kommen.

Aber es blieb bis Feierabend ruhig. Zuhause hab ich dann nochmal meine Kamera kontrolliert. Alles sauber? Alle Akkus voll? Alles funktioniert wie es soll? Bis mich dann eine unterdrückte Rufnummer anrief. Unterdrückte Rufnummer? Da gehe ich für gewöhnlich nicht dran. Schlechte Erfahrung. Also weg gedrückt und weiter gemacht. Zehn Minuten später wieder. Wieder weg gedrückt. Langsam machte sich dann etwas unmut in mir breit. Diese Call Center sind einfach nervig dachte ich mir.

Weitere zehn Minuten später wieder der Anruf. Ich entschloss dran zu gehen und war auch ziemlich geladen und meldete mich entsprechend schlecht gelaunt.

,,Hallo Benny, Unser Kind ist da. Kannst du gegen 19 Uhr kommen?“

,,schluck“ Auweia dachte ich. Im Boden versinkend hab ich mich erstmal entschuldigt für den schroffen Ton. ,,Alles gut, ich hab auch nicht dran gedacht meine Nummer mit zu senden“.

Völlig überrascht das es so schnell ging, fragte ich ob es der Mama denn gut ginge und ob wir nicht vielleicht noch ein bisschen sollten. Aber ich sollte kommen.


Krankenhaus Hamm, verwirrend

Ich machte mich schnell fertig und dann ging es auch schon los. Mein Navi sagt ich brauche ungefähr 45 Minuten. Da es nie schlecht ist etwas puffer zu haben, fuhr ich schon viertel vor sechs los. Das war auch eine sehr gute Entscheidung wie sich hinterher herausgestellt hat. Musik aufgedreht und ab auf die Bahn. Die ganze Fahrt über dachte ich drüber nach wie das Kind aussieht und wie die Eltern drauf sind. Was sage ich? Komme ich überhaupt problemlos in die Klinik rein bedingt durch Corona?

So verging die Fahrt wie im Flug und ich fuhr in das Parkhaus direkt am Krankenhaus.

Ziemlich unübersichtlich dachte ich mir und ging erstmal drauf los. Einmal um das Krankenhaus drum herum. Wo ist denn der Eingang? Bin ich denn so blind?

Nachdem ich dann wieder am Parkhaus angekommen war, stellte ich fest, der Eingang zum Krankenhaus war direkt gegenüber. Keine 50 meter weiter. Super, der Spaziergang war dann mit Sack und Pack auch erledigt. Ein Schild wäre hilfreich gewesen. Da ich ja genug zeitlichen Puffer eingeplant hatte, war ich sogar ziemlich pünktlich trotz des Rundkurses um das Krankenhaus.

Am Eingang erwartete mich die Security. Ich stellte mich vor und bat um Einlass. Natürlich musste ich erst diesen obligatorischen Zettel ausfüllen den es ja in jeder Einrichtung gibt. Aber gut. Wenigstens habe ich die Station schnell gefunden.

Was für ein hübscher kleiner Mann

Auf Station angekommen suchte ich nach einer Schwester die mich zum richtigen Zimmer brachte. Was gar nicht so einfach war, denn ich musste suchen bis ich eine Schwester fand. Aber das ging glücklicherweise schneller als die Suche des Eingangs zum Krankenhaus. Sie zeigte mir das Zimmer und verschwand dann aber recht schnell. Gut, dachte ich, dann gehe ich alleine rein.

Ich klopfte und betrat den unvorstellbar kleinen Raum. Eine Schwester war noch bei den Eltern und kümmerte sich rührend um diese. Sie begrüßte mich sehr herzlich und bedankte sich für unsere Arbeit und fragte mich ob ich noch was brauche. Leider war kein größerer Raum frei so musste ich mit dem klar kommen was da war. Ich begrüßte die Eltern und stellte mich nochmal persönlich vor und bot direkt das DU an. Das macht die ohnehin schon schwierige Situation schon etwas entspannter. Der kleine Mann lag in einem Einschlagdeckchen eingekuschelt im Bett. Er war so niedlich. Ein wunderschöner Junge. Ich hielt kurz inne, so wie ich es immer tat. Man trauert immer ein Stück weit mit den Eltern. Mir hilft es immer wenn ich dann auch kurz einfach nur da stehe und den Eltern zeige das wir Fotografen mit viel Würde und Respekt an die Sache ran gehen.

Ich habe allerdings schnell gemerkt das hier nicht der richtige Zeitpunkt ist ein Gespräch aufzubauen. Ich hielt es daher sehr kurz und fragte ob ich das Kind bewegen darf. Also hab ich den kleinen Mann ein bisschen ausgepackt und Ihn möglichst vorsichtig und mit viel Liebe zurecht gelegt.

Ich hatte wirklich sehr wenig Platz. Ich konnte mich kaum frei bewegen so das die Fotos die ich machen würde, relativ spartanisch ausfallen würden. Das war für die Eltern allerdings in Ordnung. Sie wollten lediglich ein paar Bilder Erinnerung. Ich breitete mich, soweit möglich aus und machte ein paar Probeaufnahmen um zu schauen, was überhaupt umsetzbar ist. Wenigstens hatte ich gutes Licht. Das ist schon viel wert.

Mit viel Gefühl Fotografierte ich den kleinen Prinzen und gab ihm immer wieder mal was anderes in die Hand. Mal ein Engel, mal ein Armband. Die Eltern wollten erst gar keine Bilder zusammen mit Ihrem Sohn aber während ich Fotografierte, fasste der Papa sich ein Herz und wollte nun doch gemeinsame Bilder. Was für eine Erleichterung dachte ich. Ich lege den Eltern immer sehr nahe dies zu tun. Denn eine zweite Möglichkeit gibt es nicht. Es sind die ersten und letzten Bilder. Immer wenn die Eltern am Anfang gemeinsame Bilder ablehnen, lasse ich mir bewusst etwas mehr Zeit mit dem Fotografieren. Meistens kommt das Pärchen dann von selbst auf mich zu. Nach knapp 30 Bildern beendete ich das Shooting.

Mehr ging nicht bei dem Platz. Die Eltern schauten sich die Bilder auf der Kamera an und waren mehr als zufrieden. So viele Bilder hätten Sie dann doch nicht erwartet.

Ich packte dann langsam zusammen, deckte den kleinen wieder zu und legte Ihn wieder zurück auf seine Decke auf dem Bett.

Ich wünschte den Eltern noch alles Gute und das Sie sich jederzeit melden könnten, wenn Sie Redebedarf haben und beendete meine sechsten Einsatz.

Obwohl dieser Einsatz zu den anderen Einsätzen nicht viel anders war, war er doch irgendwie für mich emotionaler. Wenn es im Zimmer still ist, denkt man doch mehr nach und lässt sich auf die Situation ein.

Euer Benny

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